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  • Florian Bernschneider

Raus aus dem Hype-Zyklus

In der aktuellen Ausgabe der StadtGlanz widmet sich Florian Bernschneider dem Titelthema Agilität und seiner Bedeutung für die Wirtschaft. Den gesamten Beitrag gibt es im ePaper oder hier.

Erst überschätzen wir solche Trendthemen maßlos, bevor wir von unseren eigenen Erwartungen an das Neue tief enttäuscht werden. Erst mit der Zeit zeigt sich dann der wahre Mehrwert hinter dem Hype.


Nicht unwahrscheinlich, dass es dem Trendthema Agilität ähnlich ergeht. Also schnallen wir uns besser an und treten ruhig mal die Bremse, bevor uns eine Talfahrt der Erwartungen aus der Bahn wirft. Es wäre schade, wenn wir dann erst Trost bei der nächsten Sau suchen müssen, die durchs Dorf getrieben wird, bevor wir wirklich agiler werden.


Doch gehen wir einen Schritt zurück. Wer verstehen will, warum Agilität mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Hype-Zyklus zum Opfer fällt, muss den ExpertInnen zuhören, die Agilität seit einiger Zeit zum unüberhörbaren Hype machen. Sie rufen uns allzu gern und lautstark entgegen: „VUCA! Wir leben in einer VUCA-Welt!“, wenn sie die dringende Notwendigkeit von Agilität erklären. VUCA steht für die aus dem Englischen übersetzten Begriffe: Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit.


Um zu erklären, wie VUCA unsere Welt geworden ist, reicht dann im Grunde schon das Beispiel von UBER oder Airbnb. Denn wer hätte schon vor einigen Jahren gedacht, dass aus dem Nichts das größte Taxi- oder Hotelunternehmen der Welt wächst und es dafür nicht ein einziges Fahrzeug oder Hotel selbst besitzen muss? Spätestens nach solchen Beispielen akzeptieren Führungskräfte ihr Schicksal: „Ja, wir leben in einer völlig unberechenbaren und schnelllebigen Welt. Wie gut hatten es doch die Management-Generationen vor uns. Damals, als alles noch so stabil und kontinuierlich war und man für Veränderungen so viel mehr Zeit hatte?“


Eine gute Frage! Eine Frage, die wir wirklich einmal unserer Großelterngeneration stellen sollten. Doch Vorsicht! Es könnte sein, dass man verständnislose Reaktionen erntet. Mein Großvater ist aus Ostpreußen in das zerbombte Braunschweig geflohen, um mit seiner Generation ein Land neu aufzubauen. Während wir in hippen Locations auf Sitzsäcken über die Unberechenbarkeit unserer Zeit philosophieren, kann man sich nur schwer vorstellen, wie VUCA sich seine damalige Welt angefühlt haben muss.


Wem das zu drastisch ist, sei folgende Suche bei Google empfohlen: „New York 5th Ave 1900 vs. 1913“. Zu sehen sind zwei Fotos der New Yorker 5th Ave an Ostern im Jahr 1900 und dreizehn Jahre später. Auf dem ersten Bild sieht man ein einziges Auto und ansonsten nur Pferdekutschen. Auf dem zweiten Bild plötzlich nur noch Autos. Wie VUCA muss sich dieser Wandel innerhalb von gerade mal 13 Jahren wohl für die Kutscher der damaligen Zeit angefühlt haben?


Hier lohnt sich also die erste vorsichtige Bremsung des Agilitäts-Hypes. Jede Generation hatte offensichtlich ihre VUCA-Momente und Treiber. Bevor wir weiter über die Schnelllebigkeit unserer Zeit jammern, stellen wir doch mal zufrieden fest: Wir haben es mit Plattformenökonomie und Künstlicher Intelligenz insgesamt noch recht gut erwischt.


Aber in der Tat: Die Gewinner und Innovatoren hinter diesen Megatrends unserer Zeit heißen nicht mehr Werner von Siemens, Carl Benz oder Heinrich Büssing, sondern Steve Jobs, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos. Also liegt es nahe, nach dem Geheimrezept des Silicon Valleys Ausschau zu halten, das ihre Unternehmen so schnell, so wertvoll und so groß werden ließ. Und was für eine Überraschung? Im Silicon Valley arbeitet man natürlich agil! Da liegt doch die Schlussfolgerung auf der Hand: Wenn die erfolgreichsten Unternehmen unserer Zeit agil arbeiten, dann sollten wir das auch endlich tun. Oder etwa nicht?


Wenn Sie ein Softwareunternehmen oder Dienstleistungsunternehmen sind, spricht offensichtlich vieles dafür. Wenn Sie Hardware bauen, lohnt sich vielleicht ein zweiter Blick – zum Beispiel auf Tesla.


Auch Tesla hat eindrucksvoll bewiesen, wie man mit agilen Methoden, unternehmerischem Mut und verhältnismäßig kleinen Teams Weltkonzerne herausfordern und disruptive Technologien durchsetzen kann. Doch nun, wo die Kernfrage der E-Mobilität mittlerweile weniger die technische Innovation als die kostengünstige Produktion ist, kann eine allzu agile Organisationsform auch zum Nachteil werden. Auf einmal steht nicht mehr die Entwicklung des Produkts im Fokus, sondern die Optimierung seines Produktionsprozesses; es geht nicht mehr um Effektivität und Flexibilisierung, sondern um Effizienz und Standardisierung.


Es stimmt: Während deutsche Unternehmen in der hundertsten Schleife des KVP-Prozesses zur Effizienzsteigerung von Verbrennungsmotoren steckten, hat Tesla scheinbar über Nacht das gesamte Spielfeld geändert. Wir mussten schmerzhaft lernen, dass der Weltmeistertitel im Optimieren wenig hilft, wenn andere geschickt innovieren. Und wir können nur hoffen, dass uns diese Lektion nicht noch in vielen anderen Branchen ereilt. Denn nicht jede technologische Disruption werden wir so schnell adaptieren können wie ein Elektroauto. Doch eines gilt auch: Wer am Ende das Rennen gewinnt, ist noch längst nicht entschieden.


Umso wichtiger, dass wir gerade dieser Tage unsere Schwächen und Stärken klug analysieren. Wasserfall-Projekte und Lean-Management sind dabei so wenig Teufelszeug wie Agilität die einzig wahre Wunderwaffe und Organisationsform ist. Wer gerade jetzt alles auf Agilität setzt, verspielt womöglich die besten Karten, die uns noch geblieben sind. Doch auch dieses Blatt will erneuert werden. Längst tüftelt man im Silicon Valley und in Shenzhen daran, wie man mit Künstlicher Intelligenz das Spaltmaß und Lieferketten besser optimiert als wir es jemals konnten.


Um zu wissen, wann es auf welche Fähigkeit ankommt, genügt ein einfacher Leitsatz: Je komplexer und unvorhersehbarer eine Herausforderung ist, desto wichtiger ist es, agil auf sie zu reagieren. Je einfacher und vorhersehbarer eine Aufgabenstellung ist, umso klüger ist es, ihr mit klassischem Lean-Management zu begegnen. Nur was sich so leicht anhört, ist in der Realität ein organisatorischer und kultureller Kraftakt für Unternehmen und MitarbeiterInnen. Doch es lohnt sich, den wahren Mehrwert von Agilität aus dem Hype-Zyklus zu befreien und in ihm eine Ergänzung und kein Widerspruch zu bestehenden Organisationsformen zu verstehen.


„Die perfekte Mischung aus Präzision und Inspiration.“ – so beschreibt Jägermeister seine Stärke heute. Das Unternehmen hat tatsächlich bewiesen, wie man neue Kunden begeistert, ohne alte zu verlieren. Vielleicht steckt dahinter ja nicht nur eine Erfolgsformel aus 56 Kräutern, sondern auch für die Zukunft der good old economy.

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